Underdogs unter Dampf

Zwei Länder, deren Schicksal immer wieder von außen abhing (und wohl weiter abhängt) – Nicaragua und Honduras verbindet viel miteinander. Geographisch sind sie Nachbarn im Zentrum Mittelamerikas, beide gebeutelt von politischen Irrun­gen oder wirtschaftlichen Interesssen der Großmächte. Und beide haben ei­nen Schatz, der inzwischen auch mehr und mehr gehoben wird: prima Bedin­gungen für feinste Zigarren.
Viele von uns kennen Honduras vorwiegend unter negativen Aspek­ten. Sie war Namensgeber für das Wort„Bananenrepublik“, als die einst­malige Boston Fruit Company (die spä­tere United Fruit Comany und die heu­tige Chiquita Fruits) sich 1899 mit ande­ren Bananenunternehmen zusammen­schloss und über lange Jahre hin den Bananenexportmarkt der Welt quasi kontrollierte. Ländereien in Nicaragua, Costa Rica und anderen mittelameri­kanischen Ländern wurden gekauft, um dort Plantagen zu errichten, doch nirgendwo sonst war der politische Einfluss größer als in Honduras. Dass neben exotischen Früchten seit Jahrhunderten auch Tabake angebaut wurden, lief einfach so nebenher.

Es war nie ein Massengeschäft gewesen und fand daher als bäuerlicher Neben­erwerb wesentlich weniger Beachtung, auch wenn die ersten Zigarrenfabriken bereits im 18. Jahrhundert gegründet wurden. 1765 ließ die spanische Krone bei Santa Rosa de Copan im westlichen Landesteil eine königliche Tabakhan­delsstation errichten, um damit gleich mehrere Wirkungen zu erzielen. Sied­ler sollten in diesen ruralen Streifen gelockt werden, und gleichtzeitig wollte man den hier vorkommenden wilden Tabak nutzen. Unter spanischer Führung wurde dieser, „copaneco“ ge­nannte Tabak vermutlich in die ersten honduranischen Longfiller gerollt. Copan kommt auch heute noch eine wichtige Rolle als Anbaugebiet für Tabak zu, doch überwiegt der nomisch besser auszureizende Kaff markt. Daneben gibt es aber noch weitere bedeutende Zigarrenzentren. Im Süden liegt die Region El Paraisn mit der Stadt Danli, die gleichzeit die Hauptstadt der honduranischen Zigarrenindustrie ist. Das Jamastran Valley nahe der Grenze zu Nicaragua, gilt durch seine Böden und Mikroklima als Top-Lage für erstklassige Zigarren. Im Inland schließlich, einige Stunden Autofahrt über abenteuerlich Straßen nordwestlich von Danli gelegen , findet sich das Talanga Valley der Provinz Francisco Morazan. Es ist windig hier, und deshalb baut man Tabake nach der „Encallado“-Methode Zelte und andere Bedachungen werden in den Feldern aufgebaut, um die Pflanzen vor den teilweise extrem heftigen Böen zu schützen. Zusätzlich sind Windstopper immer wieder Reihen mit hohem, dicken King-Gras um die Außenbegrenzungen der Tabakanlagen gepflanzt. Alle Anstrengungen sind es wert, wenn am Ende die Blätter nicht zerzaust sind. Honduranische Tabake stehen kubanischen in Sachen Stärke und Würze kaum nach, wenn überhaupt.

So nimmt es auch nicht wunder, dass die eigentliche Zigarrenrevolution auch hier, anderen Nachbarländern, eine Folge Revolution auf Kuba war. Aber eben mit Vorteil Honduras, denn die damalige Regierung schuf über finanzielles Sponsoring Anreize für kubanische Exilanten. Und für (zumeist europäische) Investoren der Branche, für die Big Player. Zino Davidoff schuf seine berühmte „Mouton Cadet“-Linie in Honduras und ließ sie dort jahrzehntelang produzieren, bis man 2006 in die Dominikanische Republik umzog. Auch wenn die Mischung der Zino Classics verändert wurde, basieren diese herrlichen Longfiller noch immer teil auf honduranischen Tabaken. Es müssen damals in den 1960ern abenteuerliche Zeiten gewesen sein, irgendwo zwischen euphorischem Auf­bruch, quasi nicht existenter Infrastruktur (Straßen? Braucht man sowas?) und organisatorischem Chaos. Eingeschmuggelte Havanna-Saat wurde mit heimischem Corojo gemischt, ver­worfen, neu entwickelt. Aber es war auch eine Zeit großer Chancen. Leute wie Angel Olivas oder Frank Llanez nutzten sie, indem sie mit einer Vision im Hinterkopf gemeinsame Geschäfte machten: Die Olivas als Rohstoffliefe­ranten, als Tabakpflanzer eben, verbün­deten sich mit dem Zigarrenproduzen­ten Llanez. Letzterer war clever genug, sich die Namensrechte an den Marken „Monterrey“ und „Punch“ zu sichern.

Heute firmiert das Unternehmen üb­rigens unter dem Namen Villazon. Erwähnt werden sollten auch einige andere Pioniere, so etwa die Familie Placencias, die Eiroas mit ihren Cama­cho Cigars, und natürlich Rolando Rey- es, der unter anderem die Puros Indios kreierte. Und natürlich Don Jorge Boe- so (Foto rechts), Präsident der Zigarrenmanufaktur „La Flor de Copan“.Eine weitere große Zigarre aus Honduras läßt Aficionados wie Lite­raturkennern das Wasser im Munde zusammenlaufen: Maria Mancini. Thomas Mann setzte ihr in seinem Roman „Der Zauberberg“ ein Denkmal für die Ewigkeit, als er seinen Protagonisten Thomas Castorp gleich mehrmals in allen Vorzügen seiner Lieblingszigarre schwelgen läßt: „Maria Mancini Postre de Banquete aus Bremen, Herr Hofrat. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche läßt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre klei­nen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich ihnen eine anbie­ten?“.

Auch die Herstellungsgeschichte der Maria Mancini hat etwas Ungewöhnli­ches. Zu Manns Zeit produzierte man sie auf Kuba, zog freilich später in die USA um. Anfangs wurden ausschließ­lich kubanische Tabake verwendet, nach dem Embargo aber bediente man sich anderer Provenienzen. 1990 schließlich fand die rauchbare Diva ihr neues Heim im honduranischen Danli, in der gleichen Manufaktur, die auch die „Libertad“ fertigt. „Geschafft“ in der Gunst des Rau­chers haben es natürlich auch noch andere Marken, die über eine hervor­ragende Qualität verfügen. Flor de Copan, Flor de Selva oder auch die Centennial. Einen Sonderfall stellt wiederum die Dunhill Honduran Selection dar. Eine sicherlich phantastische Zigarre – aus brasilianischen Tabaken. Darf das noch als Honduras durchgehen? Der Vorteil von Honduras und Nicaragua liegt ja gerade darin, dass die Ähnlichkeiten der Anbauverhältnisse in den Tälern von Jamastra und Jalapa in Nicaragua frappierend sind mit einigen der be­sten Lagen in Kuba, etwa der Region Pinar del Rio.

Die heimischen Zigarren werden dadurch dicht, schwer, enorm würzig und sind absolut nichts für den Einsteiger. Klammheimlich hat sich Honduras so. durch die Hintertür zum zweit­größten Zigarrenproduzenten der Welt entwickelt. Und das eben auch mit viel Importware, weil man das handwerkli­che Knowhow nutzen möchte,das an­derswo weniger vorhanden ist. Im Vergleich zum Nachbarn nehmen sich die Produktionszahlen von Nica­ragua bescheiden aus. Doch hatte das Land als Zigarrenstandort einen weitaus dramatischeren, ja chaotischen Start, ein Wechselbad der Gefühle und Verhältnisse. Manche der handelnden Personen, die nach dem Exodus aus Kuba in Nicaragua landeten, waren dieselben, die Honduras groß machten: Oliva, Placencia oder Bermejo. Diktator Somoza, bislang eher auf Zigarettenkurs, schwenkte um und begann, Manufakturen unter ausländischer Führung zuzulassen.

Die Sandinistas machten dem 1979 ein jähes Ende: um ihre Revolution nach dem Sturz Somozas überhaupt finanzieren zu können, enteigneten sie kurzerhand die Bauern im Hauptanbaugebiet Jalapa im Nordwesten des Landes, unweit der Grenze Nicaragua, und stellten auf Zig tentabak um, den sie wiederum massenhaft in Osteuropa an die Genos verhökerten. Freunde unter der Bevölkerung macht man sich mit sowas eher nicht, zumal phantastische Zigarren wie die Joya de Nicaragua damit (zu nächst) verschwanden. Ein Hoffnungsschimmer war das Erstarken der sogenannten Contras, die massiv von den USA unterstützt wurden. Unter dem neuen Präsidenten Violeta Chamorro wurden die Voraussetzungen neu geschaffen, gut arbeiten zu können. Und dann zieht der Hurrikan „Mitch“ 1998 allen wieder den Boden unter den Füßen weg, als Tausende starben, in vier Tagen die Menge Regen eines Jahres fiel und mitsamt des Großteils neu erschaffener Infrastruktur auch einige Plantagen buchstäblich weggeschwemmt wurden. Und was machen die Tabakfarmer Produzenten? Bauen wieder auf – es ist ihre einzige Chance.

So kann aus Disaster erneut die Motivation werden, mit Dampf anzugreifen. Die Anbaubedingungen im nord- westlichen Jalapa Valley, von manchen Exilanten mit dem kubanischen Vuelta Abajo verglichen, sind ideal. Es ist eine abgelegene, gottverlassene Gegend, doch einige der feinsten Zigarren der Welt haben hier ihren Anfang. Die Joya de Nicaragua ist wieder da und so gut eh und je. Dannemann läßt hier seine neue „Artist Line“ anbauen und produzieren, auf der der Name des ver­antwortlichen Tabakarbeiters auf der Holzkiste verzeichnet ist. Damit schafft man Kompetenz und Vertrauen. Auch die Padron gehört zur allerersten Riege. Im Geschmack sind Nicaragua-Zigarren süßer, aber ebenso voll wie Honduraner Das Herz der nicaraguanischen Tabakproduktion mit vielen Manufakturen und Fabriken liegt in der Stadt Tabacalera Esteli, Cubanica oder Segovia sind nur einige der bekannteren Namen.

Die politische Situation hat sich beruhigt und entspannt in den Jahren. Die USA haben neue Bedrohungen festgestellt, als ständig in mittelamerikanischen Vorgarten kommunistische Bedrohung zu orten. So kommen mittlerweile jährlich mehr Premium-Marken aus Honduras und Nicaragua. Fragt man bei deutschen Händlern herum, wird der Anteil am Sortiment mit jeweils zwischen zehn und 20 Prozent angegeben. Zu ver­gleichsweise attraktiven Preisen. Lassen Sie es mal drauf ankommen. Springen Sie über Ihren Schatten und veranstal­ten im Kreise Ihrer Zigarrenfreunde einen spielerischen Blindtest. Einer von Ihnen besorgt jeweils eine Havanna und eine Honduras im gleichen Format, ent­fernt die Bauchbinden – und Sie rau­chen und diskutieren und beobachten und schmecken. Wetten, dass Ihnen die Unterschiede plötzlich gar nicht mehr so klar sind?